Gedanken zum Gründonnerstag

Liebe Leserin, liebe Leser,

es war am Gründonnerstag vor zwei Jahren. Jemand kam eher zufällig in den Abendgottesdienst am Gründonnerstag in die Friedhofskirche. Danach sprach er mich an: „Herr Dekan, ich wusste ja gar nicht, dass in unserer Gemeinde jedes Jahr dieser wunderschöne und mich so berührende Gottesdienst am Gründonnerstag gefeiert wird! Was bin ich froh, dass ich heute endlich einmal dabei war!“

Hier wollen wir uns jetzt ein paar Gedanken machen, worum es am Gründonnerstag eigentlich geht: Am Gründonnerstag feiern wir etwas besonders Schönes: Jesus hat uns ein wunderbares Vermächtnis geschenkt. Das Bild aus der Holztür der Kirche St. Maria in Köln kann uns helfen, zu begreifen, worum es dabei geht. Es geht um ein Mahl. Der Tisch ist festlich mit einem Tischtuch bekleidet, Teller stehen darauf. Brot und Fisch sind zu erkennen, einer hält den Becher in der Hand. Jesus und seine Freunde essen und trinken miteinander, wie sie es oft und gern getan haben. Und doch ist dieses Mahl ein ganz besonderes: zum letzten Mal feiert Jesus mit seinen Jüngern das Passahfest, bevor er den Weg der Liebe bis zum bitteren Ende geht und am Kreuz sein Leben hingibt.

Am großen Heiligenschein mit dem eingearbeiteten Kreuz können wir Jesus auf unserem Bild erkennen. Er ist in der Mitte, er steht im Mittelpunkt. Es geht um ein Mahl – und es geht um ihn. Leider ging im Lauf der Jahrhunderte auf unserem Kunstwerk sein Gesicht verloren – aber niemand weiß auch genau, wie er aussah. Er bekommt sein Gesicht durch das, was er gesagt, getan und wie er gelebt hat. Jesus hat gerne gefeiert. Er hat sich auch mit Menschen an einen Tisch gesetzt, mit denen man das normalerweise nicht gern tut. Er hat die Kinder angenommen und sie mit ihrem großen Vertrauen uns allen als Vorbilder hingestellt. Er hat den Frauen ihre Würde gegeben, er hat Kranke geheilt und Hungernde gespeist. Er hat gesagt: Gott meint es gut mit euch. Er ist die Liebe in Person. Durch nichts hat Jesus sich vom Vertrauen auf Gott abbringen lassen, nicht einmal durch die Aussicht, den grausamen Tod am Kreuz sterben zu müssen.

Das alles prägt ein Gesicht. Ein Gesicht voll Liebe und Klarheit stelle ich mir vor, voll Verständnis und Erbarmen, voll Willensstärke, aber auch voller Schmerz. Auch wenn der Mensch mit diesem wunderbaren Gesicht nicht mehr über diese Erde geht, soll doch all das, was er uns mit seinem Leben und Sterben geschenkt hat, nicht einfach verschwunden und vergessen sein. Ganz leibhaftig sollen die, die zu Jesus gehören, es auch weiterhin schmecken und spüren. Darum hat Jesus dieses Mahl gestiftet, das Abendmahl. In ihm kommt er zu uns, um sich selbst uns zu schenken. Immer ist er für uns da mit seiner Liebe und Hingabe – davon können wir leben. Und von ihm beschenkt und berührt, kommen auch unsere Gesichter ins Leuchten – wie die der Jünger auf unserem Bild. Klare und liebevolle Menschen können wir werden, verständnisvoll und barmherzig, willensstark und auch fähig, Leiden zu tragen.

Einer hat sich vom Licht der Liebe Christi nicht berühren lassen – ihm fehlt der Heiligenschein. Am rechten Rand des Bildes ist er zu erkennen – er hat sich ins Abseits begeben. Für Judas war Gottes Gesicht anders geprägt: nicht von Liebe und Erbarmen, sondern von Herrschaft und Macht. Mit einem armen, leidenden Messias kann er nichts anfangen. Judas will endlich wissen, was Sache ist: „Ist dieser Jesus nun der Messias oder nicht? Nach dem großartigen Empfang in Jerusalem am Palmsonntag muss er doch seine Herrschaft aufrichten!“ Dazu will Judas Jesus durch seinen Verrat provozieren. Er hat es nicht verstanden, dass Gott einen ganz anderen Weg eingeschlagen hat, um uns Menschen zu helfen und das Leben heil zu machen.

Jesus weiß, was ihm bevorsteht. „Einer unter euch wird mich verraten“, sagt er. Das löst Betroffenheit aus – durch die Hände der Jünger kommt sie zum Ausdruck. „Gott bewahre, das darf doch nicht sein – einer aus unserem Kreis?!“, so sagen die einen. „Bin ich es vielleicht, der schwach wird und ihn verrät?“, so fragen die anderen.

Ich habe dieses Bild vor Augen und frage mich: Wo stehe ich? Bei den Unsicheren und Schwankenden? Die so viel Gutes von Jesus erfahren haben, nun aber Angst bekommen, mit hineingezogen zu werden in sein Geschick? Schief angesehen und verachtet, aufs Kreuz gelegt und festgenagelt zu werden auf die Liebe? Oder bei Judas, der sich seine Vorstellung von einem Herrschafts-Gott nicht nehmen lassen will? Oder ganz nah bei Jesus, wie Johannes? Bei IHM geborgen, von IHM gestärkt, auf IHN hinweisend als das wahre Brot des Lebens?

Wir feiern am Gründonnerstag die Einsetzung des heiligen Abendmahls. Wir sind eingeladen in die Nähe Jesu; ganz nah will er uns kommen in Brot und Wein. Wir dürfen uns wieder neu von seiner Liebe erfüllen lassen! Damit wir Kraft bekommen, ihm treu zu bleiben, dem Herrn, der den Weg der Liebe und Barmherzigkeit bis ans Ende gegangen ist.

Wir werden hineingenommen in seine Gemeinschaft. So stärkt er auch unsere Gemeinschaft untereinander. Wir werden gestärkt mit seinem Leib. So können wir als sein Leib das Leben miteinander teilen – und mit allen, die auf seine Liebe und Hilfe warten.

Ich freue mich auch dieses Jahr auf den Gottesdienst am Gründonnerstag-Abend.

Herzlich, Ihr Dekan Klaus Schlicker

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